Wann hast Du denn begonnen Musik zu machen?
Das begann alles schon sehr früh. Mit 7 Jahren lernte ich Geige. Mit 12 kam Kontrabass dazu. Später dann Gitarre, die jahrelang mein Hauptinstrument war.
1973 komponierte ich meinen ersten Track „Sigurds Botschaft“. Er wurde mit Maschinenstimmen, Schlagzeugmaschine und Gitarre binnen weniger Stunden als Demo eingespielt. Die Mischung aus „Kraftwerk“ und hartem Deutschrock wurde wenige Zeit später zu einem Insidertip in der Münchner Musik-Szene. 1978 gründete ich die Band „ Aufbau“. 1980 unterschrieben wir unseren Plattenvertrag und nahmen 2 LPs auf. Das ist lange her, lass uns lieber von heute sprechen.

Du erwähnst "Kraftwerk". Liegen hier Deine Wurzeln?
Ja und nein. Klar zählen Kraftwerk, Tangerine Dream oder die Neubauten zu den deutschen Bands, die mich damals sehr begeistert und auch beeinflusst haben. Ganz wichtig sind aber auch King Crimson oder die frühen Pink Floyd-Sachen. Was mir immer gut gefallen hat sind Bands, die neue Wege gingen und ausprobiert haben.

Alles Bands, die eigentlich wenig mit typischer Filmmusik zu tun haben...
...was meinst Du mit typischer Filmmusik? Meiner Meinung nach gibt es nur gute oder schlechte Musik. Ob etwas als Filmmusik funktioniert, entscheidet sich erst ab dem Moment, wenn ich mir überlege, für was oder wen die Musik klingen soll.
Wenn ich zum Beispiel Musik für Produktfilme von SONY, Bosch oder ORACLE schreibe, klingen die Sachen auch anders als bei einem Kino- oder TV-Film. Bei Produktvideos oder Werbung geht es um eine Verstärkung der Marke. Bei der Filmmusik steht klar die Handlung des Films im Mittelpunkt. Hier hat die Musik eine dramaturgische Aufgabe zu erfüllen und keinen unterhaltenden Selbstzweck.

Was waren denn Deine letzen Projekte?
Fangen wir mal 2001 an. Da habe ich den Score für den Film "Epsteins Nacht" geschrieben. Ein bewegender Film über zwei alte Juden, die das KZ überlebt haben und heute ihren Peiniger aus dem KZ als Pfarrer in einer Kirche wieder entdecken. Die beiden Juden spielem Bruno Ganz und Mario Adorf und in einer Nebenrolle ist Annie Girardot zu sehen. Die Arbeit an diesem Film hat sehr viel Freude gemacht. Besonders Bruno Ganz zu sehen - der ist schon ein wahnsinnig starker Schauspieler.

Wirkt sich das denn auf die Musik aus, wer in dem Film mitspielt?
Ich denke schon. Du musst Dir vorstellen, dass Du jede Szene teilweise 100 mal und öfters anschaust. Bei Bruno Ganz habe ich beispielsweise immer wieder neue Facetten entdeckt. Wenn man das erlebt, motiviert das natürlich auch beim Komponieren.
Übrigens finde ich, dass dieser Aspekt einen großen Reiz beim Komponieren von Filmmusik ausmacht. Interessanter Weise funktionieren bei solchen Filmen viele Szenen auch ohne Musik, weil einfach das Acting so verdammt stark ist. Da muss man sich dann als Composer schon ordentlich zurückhalten, um von solchen Magic Moments nicht abzulenken. Sonst zieht die Musik die Aufmerksamkeit beim Betrachter ab. Da ist weniger oft mehr.
Aber es gibt auch den anderen Fall. Ich habe schon Filme vorliegen gehabt, die waren ohne Musik nur langweilig. Mit Musik kam dagegen richtig Spannung auf.
Das ist eh jedes mal wieder ein absolutes Highlight: Du bekommst einen Film vorgelegt. Ganz ohne Musik. Dann beginnst du mit der Musik und merkst, wie alles plötzlich zum Leben beginnt. Ich sage immer, mit Musik fängt der Film an zu atmen. Das ist fast schon was mystisches!
Ist ja auch klar: Musik wirkt direkt auf das Unterbewusstsein - da kann sich keiner entziehen! Bestes Beispiel: Nimm einen richtigen Horrorfilm, wo du es vor Spannung kaum aushält. Viele halten sich dann die Augen zu - das hilft aber kaum. Drehst Du jedoch den Ton ab und siehst nur noch das Bild, ist jegliche Spannung weg! Da merkt man erst, welche enorme Kraft die akustische und musikalische Ebene in einem Film hat.

Was kam denn nach "Epsteins Nacht"?
Als nächstes kam "Sophie Scholl - die letzten Tage". Ich habe hier für die Previews die Temptracks geschrieben und beim fertigen Score auch noch 2 Titel beigesteuert. Das war übrigens ein ähnlicher Fall wie "Epsteins Nacht". Ganz starke Schauspieler-Leistung. Die Oskar-Nominierung für den Film ist deshalb auch absolut berechtigt.

Sowohl bei "Epsteins Nacht" als auch bei "Sophie Scholl - die letzten Tage" hat Hans Funck den Filmschnitt gemacht. Zufall?
Nein, kein Zufall! Die Sache ist ganz einfach: Hans Funck schneidet sehr gerne auf meine Musik und legt meine Songs oft als Temptracks für die Filme an. Machmal ergibt sich daraus ein Auftrag für den kompletten Score, manchmal bleiben nur ein oder zwei Nummern im Film. Klasse, dass Hans jetzt immer öfter große Hollywood-Blockbuster schneidet. So hatte ich jetzt beispielsweise auch die Möglichkeit, einige Ideen für den neuen Hirschbiegel Film "The Visiting" mit Nicole Kidman zu präsentieren. Sowohl Oliver Hirschbiegel als auch Hans fanden die Sachen klasse.
Auch wenn jetzt John Ottman den Film macht - das ist schon toll, bei solchen Projekten im Gespräch zu sein.

Du machst aber auch noch ganz andere Filme!
Ja, zum Beispiel "Mein Herz in Deinem Hirn" von Rosa von Praunheim. Ein echt sperriges und völlig unkommerzielles Teil. Aber in seiner Art auch ganz stark!
Da wird die Geschichte vom Kannibalen von Rothenburg nachempfunden. Krass! Total improvisierte Dialoge und Handlungsstränge. Was hier Spass gemacht hat: ich hatte völlig freie Hand bei der Filmmusik. Erstaunlicher Weise ist der Score für diesen sperrigen Film sehr rund und homogen geworden - das genaue Gegenteil vom Film selbst. Und das beste: Das funktioniert richtig gut!
Am geilsten finde ich die Musik für die Schlachtungs-Szene. Da habe ich erst versucht, das ganze grausam und düster zu machen. War aber mit dem Ergebnis immer unzufrieden. Dann habe ich das Gegenteil ausprobiert - und siehe da, es war wunderbar. Jetzt liegt eine Art Neapolitanisches Liebeslied unter der Kannibalen-Szene. Klasse Kontrast! Sogar bei der Premiere in Hof ist niemand aus dem Kino gerannt! Schade, dass Rosa bis jetzt noch keinen Verleih gefunden hat, obwohl der Film erfolgreich auf internationalen Festivals läuft. Ich wünsche Ihm, dass es bald klappt!

Und was sind Deine Pläne für 2006/2007?
Also im Moment sitze ich noch dem Score von Rosa von Praunheims neuem Film "5 tote Studenten". Sicher ist jedenfalls auch, dass ich über den Jahreswechsel einen ziemlich krassen Kurzfilm über die Kriegsgreuel in Sarajewo machen werde. Die Regie führt Basia Baumann. Eine hoch begabte junge Regisseurin, die derzeit noch sehr viel Regieassistenzen macht, zum Beipiel auch bei "Enemy At The Gates" von Jean Jaques Arnnault. Basia erzählt eine ziemlich brutale und ergreifende Story über ein junges Mädchen, das mißhandelt wird, dann zur Waffe greift und sich an den Verbrechern rächt. Basia dreht im Dezember ihr Projekt. Freue mich schon auf die ersten Bilder.
Dann sitze ich noch an einem reinen Musikprojekt, dass ich gemeinsam mit meiner Frau und Sängerin ELa Bergman ab Januar 2007 machen werde. Hier geht es um Trance-Vocals, gepaart mit mit modernem Electronic-Dubs. Sehr spannend!

Du machst ja wirklich die unterschiedlichsten Sachen!
Das stimmt. Das Leben ist nunmal bunt und abwechslungsreich. Trotzdem bleibt die Filmmusik eines meiner zentralen Themen. Hier möchte ich noch einiges bewegen. Vor allen Dingen, was die künstlerische Frage angeht. Da habe ich eine echte Vision, denn Filmmusik kann noch ganz anders klingen, als das, was man so allgemein hört.

Basic Interview: R. v. Dörnberg, Mai 2006

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